Endstation Autobahn: Haustiere vor Urlaub einfach ausgesetzt

Angebundene Hunde an Autobahnraststellen, abgestellte Katzen in Transportboxen oder Kleintiere, die einfach auf der Straße landen: Jedes Jahr werden unzählige Tiere von ihren Haltern ausgesetzt. Gerade die Urlaubszeit bedeutet für viele Tiere großes Leid. 

Ausgesetzte Tiere
Jedes Jahr werden unzählige Tiere einfach ausgesetzt.© juefraphoto-stock.adobe.com

Dem Deutschen Tierschutzbund zufolge werden hochgerechnet rund 350.000 Tiere pro Jahr in deutschen Tierheimen aufgenommen. Die meisten davon seien Fundtiere, gefolgt von Abgabetieren. Die Sommermonate seien für die Tierheime dabei „immer eine traurige Hochsaison“, erklärt Hester Pommering vom Deutschen Tierschutzbund.  Deutschlandweit handelt es sich um mehrere zehntausende Tiere während der Sommerzeit. 

Mehr Tiere als im Vorjahr ausgesetzt

Auch das Hamburger Tierheim zieht eine traurige Bilanz. Zwischen dem 25. Juni, Ferienbeginn in Hamburg, und dem 5. August, Ferienende, wurden 156 mutmaßlich ausgesetzte und 98 abgegebene Tiere im Tierheim Hamburg aufgenommen. „Es lagen zwar keine Rekordzahlen vor, aber sie waren nicht nur höher als im Vormonat, sondern auch als im Vorjahr“, erklärt Sven Fraaß vom Hamburger Tierschutzverein. 

Auch in den Wochen vor den Sommerferien waren die Zahlen in Hamburg schon hoch: 145 Tiere wurden in 24 Tagen ausgesetzt und vom Hamburger Tierschutzverein aufgenommen. „Die alljährliche Zunahme zu den Ferien hin beziehen wir auf die Urlaubsvorbereitungen – wozu bei einigen Menschen auch das regelrechte Entsorgen ihrer Tiere gehört“, so Fraaß. 

Warum werden Tiere ausgesetzt? 

Die detaillierten Gründe dafür, warum Tiere ausgesetzt werden, lassen sich natürlich nicht bestimmen, denn in den meisten Fällen erzählen die Menschen das aus Scham nicht. Folgende Gründe sind aber denkbar: 

  • unüberlegte und voreilige Anschaffung, v.a. auch im Internet (anschließende Überforderung oder Umentscheidung) 
  • Tiere als unüberlegte Geschenke (vor allem Kleintiere) 
  • Urlaubszeit 

Warum werden die Tiere dann aber nicht direkt im Tierheim abgegeben, sondern einfach ausgesetzt? „Ich vermute, dass eine Aussetzung umso wahrscheinlicher wird, je profaner der Grund ist, ein Tier nicht mehr halten zu können bzw. zu wollen, es also vermeintlich zu peinlich wäre, das uns gegenüber zuzugeben“, so Fraaß vom Hamburger Tierschutzverein. 

Hund ausgesetzt
Aus Scham geben Tierhalter ihre Tiere nicht ab, sondern setzen sie aus.© Karoline Thalhofer-stock.adobe.com

Corona und ausgesetzte Haustiere – gibt es einen Zusammenhang? 

In diesem Jahr könnte zusätzlich die Corona-Situation eine Rolle bei den Aussetzungen von Tieren spielen. Es sei „zusätzlich zu befürchten, dass sich viele Menschen in der ‚Corona-Zeit‘ vorschnell und unüberlegt ein Tier angeschafft haben“, erklärt Hester Pommering vom Deutschen Tierschutzbund. „Über kurz oder lang könnten diese Tiere ihren Besitzern wieder lästig und dann direkt im Tierheim abgegeben oder ausgesetzt werden.“ Das Ende des Homeoffices und der Langweile sowie der Wunsch, wieder raus zukommen könnte Aussetzungen von Tieren begünstigen. „Ob schon in diesem Sommer aufgrund eines Urlaubs oder später, bleibt abzuwarten“, so Pommering.  

Welche Tiere werden ausgesetzt? 

Ausgesetzt werden eigentlich alle möglichen Tierarten. Besonders häufig trifft es Katzen, aber auch Kleinsäuger und Vögel werden oft ausgesetzt. Häufig sind darunter auch neugeborene Tiere. Im Tierheim Hamburg verteilten sich die ausgesetzten Tiere während der Sommerferien wie folgt: 

ausgesetzte Tiere Art
156 Tiere wurden während den Sommerferien in Hamburg ausgesetzt.© Eigene Darstellung, Quelle: Tierschutzverein Hamburg

Dass die Anzahl der ausgesetzten Hunde hier relativ gering ausfällt liegt daran, dass in Hamburg die Chippflicht gilt. Einige Beispiele ausgesetzter Tiere im Tierheim Hamburg: 

  • Katze Ella wurde in einem Transportkorb ausgesetzt. Ihr Gesäuge weist darauf hin, dass sie Nachwuchs hatte. Was mit dem Nachwuchs passiert ist, ist unklar. 
  • Hahn Farin wurde einfach auf das Grundstück seiner Finderin geworfen. Er hatte Durchfall, Hautprobleme und konnte aufgrund von kupierten Schwingen nicht fliegen. 
  • Die beiden Hasen Krümel und Klara wurden an einer Autobahnraststelle in einem blutverschmierten Karton ausgesetzt. Krümel hatte einen aufgeplatzten Tumor zwischen den Vorderbeinen und musste eingeschläfert werden. 
  • Hund Tay wurde auf einem Hundeplatz neben dem Tierheimgelände angebunden und ist schon zum zweiten Mal im Tierheim. Der Halter ist bekannt und wurde angezeigt. 

Was passiert mit ausgesetzten Tieren? 

Die Schicksale von ausgesetzten Tieren verlaufen sehr unterschiedlich. Im besten Fall werden sie gefunden und in ein Tierheim gebracht. Es passiert aber auch, dass die ausgesetzten Tiere sterben oder verwildern. Vor allem bei Katzen sei letzteres oft der Fall. 

„Grundsätzlich gilt, dass eine Aussetzung mit Lebensgefahren verbunden ist und auch ein Trauma für das Tier bedeuten kann“, so Diplom-Biologe Fraaß. Es gebe viele Tiere die sich, oft nach einer Warmlaufzeit, dankbar und froh zeigen. Täglich versterben Fraaß zufolge aber auch verunfallte oder krank ausgesetzte Tiere in der Obhut des Tierheims oder müssen eingeschläfert werden.  

Es werden allerdings nur Tiere eingeschläfert, die todkrank oder schwer verletzt sind. Es gibt den Mythos, dass Tiere auch aus Platzgründen eingeschläfert werden. Das stimmt nicht! Es ist in Deutschland verboten, aus Kapazitätsgründen Heimtiere zu töten. „Irgendwie muss es immer gehen  – und wenn das auch bedeuten mag, dass Katzen in Boxen gestapelt werden“, so Fraaß. Solche Phasen habe es auch schon gegeben.  

In den Hochzeiten von abgegebenen und ausgesetzten Tieren kommen die Tierheime schon einmal an ihre Grenzen, sowohl platz- als auch personaltechnisch. Die Versorgung der Tiere sei deshalb nicht immer so möglich, wie das Tierheim es sich wünschen würde, so Fraaß. „Viele Ansprüche der Tiere können leider nicht bedient werden“, erklärt er.  

Ausgesetzte Tiere Inline
Im besten Fall landen ausgesetzte Tiere im Tierheim.© Giordano-stock.adobe.com

Welche Strafen gibt es für das Aussetzen eines Tiers? 

Paragraf 3, Ziffer 3 des Tierschutzgesetzes besagt, dass es verboten ist, „ein im Haus, Betrieb oder sonst in Obhut des Menschen gehaltenes Tier auszusetzen oder es zurückzulassen, um sich seiner zu entledigen oder sich der Halter- oder Betreuerpflicht zu entziehen“. Folgende Strafen gelten für Tier-Aussetzer, wenn sie ausfindig gemacht werden können: 

  • Ein Verstoß gegen das Gesetz wird als Ordnungswidrigkeit behandelt und mit Geldbußen bis 25.000 Euro bestraft.  
  • Wenn das Tier durch das Aussetzen nachweisbare erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden erfährt, erfüllt dies den Straftatbestand der Tierquälerei und kann mit Haft bis 3 Jahre oder Geldstrafe geahndet werden. 

Was tun, wenn ich mit meinem Haustier überfordert bin? 

Wenn Sie sich mit Ihrem Haustier überfordert fühlen, nicht so viel Zeit dafür haben wie es braucht oder es andere Gründe wie Unverträglichkeiten mit anderen Haustieren oder Kindern gibt: Bitte setzen Sie es nicht einfach aus! Suchen Sie sich Hilfe. Häufig lassen sich Probleme lösen. Sprechen Sie mit Experten offen über Ihre Bedenken. Je nach Anliegen können das zum Beispiel Tierärzte, Tierpsychologen oder Trainer sein.  

Wenn es keinen anderen Weg gibt, dann geben Sie Ihr Tier ehrlich ab. Fraaß vom Hamburger Tierschutzverein bezeichnet das als „Mindestmaß an letzter Verantwortungsübernahme“. Kümmern Sie sich privat um ein dauerhaftes und liebevolles Zuhause für das Tier oder bringen Sie es ins Tierheim! „Dann können alle wichtigen Informationen mitgeteilt werden und eine Weitervermittlung ist rechtlich am selben Tag noch möglich“, so Fraaß. Ein Tier einfach auszusetzen und sich selbst zu überlassen, ist sehr unverantwortlich. 

 Auf keinen Fall darf ein krankes, verletztes, altes oder neugeborenes Tier einfach ausgesetzt werden.  

Wenn Sie in den Urlaub fahren möchten und Ihr Haustier bei der Reise nicht mitnehmen können oder wollen, dann kümmern Sie sich im Vorhinein um eine Bleibe für das Haustier während Ihrer Abwesenheit. Warum aussetzen, wenn es auch so viele andere Möglichkeiten gibt? Wenn Nachbarn oder Bekannte keine Zeit haben, dann gibt es immer noch Tierpensionen oder Tiersitter, die sich gut um Ihr Tier kümmern und auch nicht so teuer sind.  

Anschaffung eines Haustiers gut durchdenken

Vor allem ist es aber wichtig, sich die Anschaffung eines Haustiers ganz gründlich zu überlegenEin Haustier sollte niemals aus einer spontanen Laune heraus gekauft werden.  

  • Informieren Sie sich ausführlich darüber, welche Haltungsansprüche Ihr gewünschtes Haustier hat.  
  • Prüfen Sie, ob Sie diesen Haltungsansprüchen gerecht werden können.  
  • Haben Sie die zeitlichen, finanziellen und platztechnischen Möglichkeiten, das Tier artgerecht zu halten? 
  • Haben Sie oder eine andere Person im Haushalt eine Allergie? Im Zweifel davor testen lassen. 
  • Gibt es eine Urlaubsunterkunft für das Tier? 
  • Sind Sie bereit dazu, bedingungslos für das Tier zu sorgen, auch wenn es krank wird? 
  • Sind Sie bereit dazu, Verantwortung für das Tier bis an sein Lebensende zu übernehmen? Katzen können zum Beispiel bis zu 15 oder 20 Jahre alt werden, Hunde auch zum Teil bis zu 15 Jahre.  
  • Vermeiden Sie Nachwuchs bei Ihrem Tier unbedingt, wenn Sie keine sicheren und verantwortungsvollen Abnehmer dafür haben. Ansonsten ziehen Sie eine Kastration in Betracht. 

Wenn Sie sich nach diesen Schritten für ein Tier entscheiden, dann überlegen Sie: Muss es ein Tier vom Züchter sein? Unzählige Tiere warten in Tierheimen bereits auf ein neues Zuhause. Vielleicht ist da ja eins für Sie dabei. So helfen Sie vielleicht sogar einem einst ausgesetzten Tier und geben ihm ein neues Zuhause… 

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