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Unsere Erde - Interview
Kein Eis, keine Eisbären!
Der Naturfilm „Unsere Erde“ legt gerade nicht nur eine sensationelle Kinokarriere hin, sondern hat auch noch einen begehrten Filmpreis eingeheimst. Im Rahmen der Benefizgala „Cinema for Peace“ wurde der Naturdokumentation der „CleanEnergy Award“ für besonderes Umwelt-Engagement verliehen. Der gilt als „Grüner Oscar“ in der Filmbranche. Keine geringere als Opern-Diva Anna Netrebko hat die Auszeichnung zusammen mit David de Rothschild an Produzent Sophokles Tasioulis überreicht. Mit 5 Jahren Produktionszeit und Produktionskosten von über 40 Millionen Euro gilt „Unsere Erde“ als bislang aufwändigste Hommage an unseren Planeten. Spektakuläre Landschaftsaufnahmen und Bilder vorher nie gezeigten Tierverhaltens geben darin einen neuen Blick auf unsere Erde preis. Wir haben Regisseur Alastair Fothergill über den Erfolg des Filmes, über persönliche Eindrücke und neue Pläne befragt.
"Unsere Erde"-Regisseur Alastair Fothergill (© Greenlight Media AG / BBC Worldwide / Universum Film)
? Mr. Fothergill, wie kamen Sie auf die Idee des ambitionierten Projektes, unsere Erde in hundert Minuten darzustellen?
Alastair Fothergill: Nachdem meine vorhergehenden TV-Serien und der Kinofilm über Ozeane („Deep Blue“) so erfolgreich waren, haben viele gesagt: Das ist großartiges Fernsehen, aber im Kino wäre es fantastisch. Den Kinofilm „Deep Blue“ haben wir vorher nicht geplant, da sind wir einfach in den Schneideraum gegangen und haben ihn als eine Art „Nachklapp“ fertiggestellt. Bei „Unsere Erde“ war das anders. Da haben wir schon vor der Produktion der Fernsehserie „Planet Erde“ gewusst, dass parallel dazu auch ein Kinofilm entstehen würde. Nur den Kinofilm zu machen, wäre unmöglich gewesen. Denn die Produktion eines derartigen Filmes mit so vielen verschiedenen Schauplätzen ausschließlich fürs Kino zu machen, hätte viel zu viel Geld verschlungen. Ich glaube, die Grundidee war folgende: Können wir über den ganzen Planeten das machen, was wir für die Ozeane hinbekommen haben? Will heißen: Wir müsssen etwas im epischen Ausmaß produzieren. Bisher waren Filme wie „Die Reise der Pinguine“ oder „Mikrokosmos“ erfolgreich, Filme, die nur einen eng umgrenzten Ausschnitt unserer Erde wiedergaben. Ich dachte mir: „Wir müssen eine Film über den ganzen Planeten machen“. Da ich denke, dass die Gefühle der Menschen für unsere Erde noch niemals so stark waren wie sie es jetzt sind. So begann ich mit dem Projekt vor fünf Jahren. Eine der positiven Tendenzen für uns Filmemacher ist, dass sich die Menschen seit den letzten fünf Jahren immer mehr für den Planeten und seine Zerbrechlichkeit interessieren. Ich wollte die epische Qualität des Kinofilms mit meiner Idee einer Naturdokumentation zusammenbringen. Ich wusste nicht, ob wir Erfolg haben würden – und ich wusste, dass es schwer werden würde.
? Wie haben Sie die tierischen Protagonisten ausgewählt?
Alastair Fothergill: Wir brauchten eine Storyline, ein Drehbuch. Jeder sagte zwar, in der Natur gäbe es kein Drehbuch. Klar, du kannst nicht zu einem Elefanten sagen: „Jetzt komm zur linken Kamera – und Action“. Doch gerade deshalb brauchst du ein Drehbuch. Ansonsten landet man irgendwann im Schneideraum, ohne eine Erzählstruktur zu haben. Wir dachten uns, die Reise, die wir unternehmen würden, sollte der jahreszeitlichen Reise der Sonne folgen. Es ist doch erstaunlich, dass unser Planet die perfekte Distanz zur Sonne aufweist und es ist noch erstaunlicher, dass die spezielle Neigung zur Sonne die Jahreszeiten hervorbringt. Diese perfekten Bedingungen bestehen schon seit Millionen von Jahren. Für den Film wollte ich drei Charaktere, die uns erlauben, auf diese Reise mit der Sonne zu gehen. Der Eisbär im Norden, der Elefant in den Tropen und der Buckelwal, der uns von den Tropen zur Antarktis mitnimmt. Diese drei repräsentieren die drei Schlüsselprobleme der globalen Erwärmung. Im Film wird dies besonders durch die Eisbären verdeutlicht, die auf dem schmelzenden Eis um ihr Überleben kämpfen. Die Geschichte des Elefanten ist eine Reise nach Frischwasser. Die andere Sache ist: Wir müssen global denken. An den gesamten Planeten und nicht nur nach den einzelnen Ländern. Denn was wir in China machen, beeinflusst auch, was in Deutschland passiert. Das verdeutlicht auch der Buckelwal, der dritte tierische Protagonist im Film: Er ist ein Tier, das wandert – von den fernen Tropen bis zu den Polen. Wenn man sich um Buckelwale kümmern will, muss man sich um den gesamten Ozean kümmern. Gerade der Buckelwal eignet sich also gut als Symbol dafür, aufzuzeigen, wie wichtig globales Denken heute ist. Und zu guter Letzt bringen alle drei Tiercharaktere im Film Mütter und Babys hervor. Damit wollen wir verdeutlichen: Es ist wichtig, Verantwortung zu tragen, jetzt für unsere Kinder und später für deren Kinder. Aber der Film soll keine Schullektion sein. Ich wollte, dass er unterhält und Freude macht. Ich hoffe, das ist mir gelungen.
? Im Film gibt es eine Szene, in der Elefanten von einem hungrigen Löwenrudel überfallen werden. Ist das nicht zu brutal für einen Kinofilm?
Alastair Fothergill: Die Natur ist grausam, keine Frage. Tiere müssen einander fressen. Die Szene, in der sich die Löwen auf die Elefanten stürzen, ist eine sehr starke Szene. Da wir „Unsere Erde“ als Familienfilm konzipierten, achteten wir aber sehr darauf, nur das zu zeigen, was wirklich nötig ist. Die Löwen etwa brauchten über eine Stunde, um den Elefanten zu töten. Es war schrecklich. Wir waren sehr darauf bedacht, das nicht zu zeigen. Und von der Szene, in der ein Wolf das Karibu erlegt, haben wir das Schlimmste weg geschnitten. Denn jeder weiß ja, was passieren wird. Es ist nicht nötig, da noch extra lang draufzuhalten. Und was die Super-Zeitlupen-Aufnahmen des Geparden betrifft: Ich wollte keine traditionelle Jäger-Beute-Situation darstellen. Ich wollte sagen: Leute, schaut euch diesen Geparden an, er ist wunderschön, das schönste Tier der Welt, und einfach perfekt. Ich denke, indem wir die Szene in Superslowmotion gedreht und mit der speziellen Musik unterlegt haben, haben wir den Effekt ganz gut hingekriegt.
? Verspüren Sie manchmal den Impuls, die Tiere vor derartigen Situationen zu beschützen und zu retten?
Alastair Fothergill: Selbstverständlich. Schließlich habe ich mein ganzes Leben mit Tieren verbracht, sie sind meine große Leidenschaft. Aber was willst Du tun, wenn Du einen verhungernden Eisbären siehst? Was solltest Du tun? Wir sind nur da, um zu beobachten und zu drehen, aber wir sind keine Zoohüter. Wir füttern keine wilden Tiere. Das wäre auch nicht sehr schlau.
? Haben Sie eine Lieblingsszene im Film?
Alastair Fothergill: Ja, für mich ist sie die letzte im Film: Der schwimmende Eisbär. Während der Aufnahmen saß ich mit im Helikopter. Wir haben für den Film eine ganz spezielle Kamera entwickelt, die es uns ermöglichte, vier Mal höher als sonst zu fliegen und trotzdem noch das Verhalten zu filmen. Ohne dabei die Tiere zu stören. Das Leben eines Eisbären zu filmen, das geht nicht im Studio, nicht im Zoo. Du bist da draußen am Rande des Polareises, an einem wahnsinnig schönen Platz der Erde. Und schaust in das dunkle, blaue Wasser, das wunderschöne Eis und siehst den Eisbären tauchen und unter dem Wasser dahin schwimmen. Dann gehst du mit der Kamera weiter und weiter und weiter weg – und siehst das größte Landraubtier der Welt immer kleiner werden. Am Schluss sieht es nur mehr aus wie ein winziger weißer Punkt in dem großen blauen Ozean. Als mein Hubschrauber wieder landete, wollte ich nur noch weinen, so sehr hat mich das emotional berührt. Das passiert nicht oft.
? Sie trainieren die Tiere nicht, wie einige andere Filmemacher vor ihnen das schon gemacht haben?
Alastair Fothergill: Natürlich nicht! Es sind alles wilde Tiere, da war keine Dressur oder ähnliches mit im Spiel.
? Was ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Dokumentarfilmer mitbringen muss?
Alastair Fothergill: Geduld! Naturdokus zu drehen ist nicht leicht, sondern sehr, sehr harte Arbeit.
? Glauben Sie, dass wir in 20 oder 30 Jahren derartige Szenen, wie sie im Film dargestellt sind, noch sehen können?
Alastair Fothergill: Nein, das glaube ich nicht. Seit 25 Jahren drehe ich nun schon Wildlife-Filme. Als ich zum ersten Mal nach Borneo kam, waren dort hauptsächlich Regenwald und einige kleine Flecken Ölpalmen-Plantagen. Heute gibt es fast nur noch Ölpalmen, während der Regenwald zu kleinen Flecken zusammengeschrumpft ist. Mein Codirektor, Mark Linfield, machte einen wunderschönen Film über die Orang Utans von Borneo. Diese Population gibt es heute nicht mehr. Ich glaube, dass gerade der Eisbär in vielerlei Hinsicht ein wunderbares Symbol für die Zerbrechlichkeit unserer Erde ist, da sie aufs Eis gehen müssen. Um zu jagen. Ihre Nahrung bekommen sie auf dem Eis. Kein Eis, keine Eisbären, so einfach ist das. Und es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass das Eis schwindet. Meiner Meinung nach werden Eisbären-Szenen wie in „Unsere Erde“ in ein paar Jahrzehnten schon der Vergangenheit angehören.
? Was kann der Einzelne dazu beitragen, die Natur zu retten?
Alastair Fothergill: Die Regierungen sind nicht mächtig genug. Sie können nach Bali gehen und reden und reden. Die Leute, die wirklich Macht haben, sind die großen, global agierenden Firmen. Sie sind diejenigen, die die Produkte herstellen. Und wir als Einzelne haben echte Macht über diese Firmen. Schauen Sie sich die letzte Frankfurter Automobilshow an. Jeder erzählte mir über die „grünen Autos“ und ich wurde einmal die Woche von einer großen Firma angerufen, die mit mir über Umweltaktivitäten reden wollte. Das passierte vor fünf Jahren nie! Ich glaube, dass wir als Verbraucher eine echte Macht haben, indem wir wählen, was wir essen, welche Produkte wir kaufen und welche Autos wir fahren. Und ich glaube, dass eine Menge kleiner Dinge ganz viel bewirken kann. Ich glaube fest an die Kraft der Konsumenten. Das ist es, was die Änderung herbeiführen wird, hoffe ich.
? Was wird Ihre nächste Aufgabe und Herausforderung sein?
Alastair Fothergill: Nach „Unsere Erde“ möchte ich etwas viel kleineres machen. Ich hoffe, einen Film über Schimpansen verwirklichen zu können. Schimpansen sind sehr spezielle Tiere. Es gibt nur wenige Tiere, die du anschaust und verstehst, was sie gerade denken. Wenn man einen Delfin anschaut, weiß man nicht, was er denkt, und man weiß auch nie, was ein Elefant denkt. Aber sieht man in die Augen von Schimpansen, versteht man sofort, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Weil sie ziemlich ähnlich wie wir denken. Ich glaube, für einen Film ist das eine echt tolle Sache. Ich möchte eine Seifenoper machen, eine echt starke, gefühlvolle Seifenoper. Ich glaube, so etwas hat es nie zuvor im Kino gegeben.
(Das Interview führten Regina Friedrich und R. Söffker, übersetzt von Dr. Angelika Huber)








