Warum können Raubvögel so gut sehen?

Ein Geier, der auf Beutesuche über der Prärie schwebt, erkennt einen toten Hasen aus einer Höhe von mehreren Kilometern, noch bevor wir den Vogel in der Luft überhaupt sehen könnten.

Foto: Thomas Brodmann / animals-digital.de

Diese extreme Sehschärfe verdanken Vögel der hohen Zahl an Lichtrezeptoren in ihrem Auge: Bis zu eine Million davon versammeln sie auf einem Quadratmillimeter ihres Augenhintergrunds, fünfmal so viele wie beim Menschen. Außerdem sind Form und Brechungskraft der Linse ideal an das Entfernungssehen angepasst. Nicht umsonst werden Vögel als „fliegende Augen“ bezeichnet. Als Geier könnten wir diesen Zeitschriften-Text vom anderen Ende eines U-Bahn-Waggons aus lesen.

Dabei würden wir allerdings einige Überraschungen erleben: Die Welt erschiene uns in bizarren Farben und Mustern, die uns bisher verborgen waren. Denn der kleine Ausschnitt der sichtbaren Welt, den wir mit unseren Augen erkennen, ist nur ein Bruchteil dessen, was im Tierreich gesehen wird: Viele Vögel nehmen ultraviolettes Licht wahr, es ist für sie sozusagen eine weitere „Farbe“, die sich auch mit anderen Farben wie Grün oder Blau mischen kann. Dadurch erkennen sie Artgenossen und unterscheiden reife von unreifen Früchten.

Diese Fähigkeit ist auch unter Insekten weit verbreitet: Bienen finden anhand von UV-Mustern den Zugang zu Nektar, der in der Tiefe der Blüten versteckt ist. Ihre Landung sehen sie dabei quasi in Zeitlupe: Bis zu 300 Bilder pro Sekunde kann das Auge von Fluginsekten verarbeiten, der Mensch schafft in dieser Zeit gerade mal 60. Bienen könnten daher einem Kinofilm nur wenig abgewinnen – sie würden ihn als wenig abwechslungsreichen Diavortrag empfinden. Außerdem käme ihr Rundumblick dabei zu kurz: Insektenaugen bestehen aus Tausenden von einzelnen Augen, die zu einer halbkugelförmigen Kuppel zusammengesetzt sind. So können sie gleichzeitig wahrnehmen, was vor, hinter, über und neben ihnen geschieht. Die Verarbeitung dieser Fülle an Information ist eine Meisterleistung des winzigen Insektengehirns.

Nicht nur Insekten verfügen über einen Panoramablick: Hasen tragen ihre Augen so weit seitlich am Kopf, dass auch sie annähernd rundum blicken können. So halten sie in alle Richtungen nach nahenden Gefahren Ausschau. Dafür ist der Bereich nur ganz schmal, in dem sich die Sehfelder beider Augen überlappen und in dem sie räumlich sehen können. Ihre Nahrung müssen sie daher ertasten und erschnuppern, was allerdings bei Pflanzenfressern kaum einen Nachteil darstellt.

Raubtiere wären mit so einer Rundumsicht allerdings weniger gut beraten. Sie müssen die Entfernung ihrer Beute genau abschätzen können, sonst haben sie kaum eine Chance, im richtigen Moment zuzuschlagen. Die Augen von Raubtieren liegen daher meist näher beisammen und sind vielfach in extremer Weise an die Dunkelheit angepasst – mehr als die Hälfte aller Fleischfresser sind nachtaktiv. Raubkatzen haben beispielsweise ihre Nachtsicht durch einen speziellen Kunstgriff verbessert: Ihr Augenhintergrund ist mit einer reflektierenden Schicht ausgekleidet, dem Tapetum lucidum. Einfallendes Licht fällt daher zunächst auf die Lichtrezeptoren, wird hinter ihnen gespiegelt und trifft ein zweites Mal auf die Rezeptoren. Das bewirkt eine Verstärkung des Bildes. Diese reflektierende Schicht ist auch der Grund, warum Katzenaugen in der Dunkelheit leuchten. Die Dunkelsicht geht allerdings auf Kosten der Sehschärfe – aber da macht dem Geier ohnehin keiner etwas vor.