Der „Klapperstorch" hat Nachwuchssorgen
Weißstörche haben ein echt stressiges Leben. Schließlich liegt zwischen Rückkehr aus den fernen Überwinterungsgebieten und erneutem Langstreckenflug in den Süden nur eine kurze Zeitspanne – in der sehr viel erledigt werden muss.
Sie gelten als Glücksvögel, um die sich wunderbare Mythen ranken, sind als „Dorfbildverschönerer“ gern gesehene Touristenattraktionen und zudem überaus populäre und beliebte Tiere. Doch ihr positives Image hilft ihnen trotz allem nicht über ein Problem hinweg: Die liebenswürdigen Langschnäbler leiden unter Nachwuchssorgen. Nicht immer und überall, aber dennoch vielerorts – und in manchen Jahren verstärkt bemerkbar.
Schlechte Brutergebnisse sorgen Storchenschützer
2005 war etwa so ein Jahr, in dem sich Storchenschützer Gedanken machen mussten, wie es denn bestellt ist um die Zukunft des beliebten, großen Wiesenvogels: Denn 2005 war – zumindest in Nord- und Ostdeutschland - ein sogenanntes „Störungsjahr“, in dem – als Folge schlechter Bedingungen auf den Zugwegen und im afrikanischen Winterquartier – etwa 30 Prozent des vorjährigen Brutbestandes fehlten. Und eines der schlechtesten Storchenjahre seit drei Jahrzehnten obendrauf. Im Bundesland Hamburg war sogar das schlechteste Brutergebnis seit den ersten Storchenzählungen von 1907 zu verzeichnen.
Aktionsplan zum Schutz des Weißstorches
Das Michael-Otto-Institut im Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) http://www.nabu.de im schleswig-holsteinischen Storchendorf Bergenhusen hat bereits 2001 einen nationalen Aktionsplan zum Schutz des Weißstorches entworfen, in dem die notwendigen Schritte für einen zukünftigen Schutz beschrieben werden. Keine Frage, der Wappenvogel des NABU genießt besondere Aufmerksamkeit. So hat der NABU auch eine Bundesarbeitsgemeinschaft Weißstorchschutz http://www.nabu.de/tiereundpflanzen/voegel/bfaornithologie/02755.html und fünf Weißtorch-Infozentren ins Leben gerufen.
Boten für eine gesunde Natur
Rund 4.700 Storchenpaare leben derzeit in Deutschland. Vor allem Brandenburg bietet den heimischen Weißstörchen viel Lebensraum: Mit etwa 1.400 Brutpaaren ist es das storchenreichste Bundesland Deutschlands – dicht gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern mit rund 1.100 Weißstorch-Brutpaaren. Weißstörche gelten als Indikatoren für eine halbwegs intakte Natur. Feuchtwiesen, wie es sie leider immer weniger häufig gibt, lieben sie besonders. Denn hier tummelt sich allerlei Getier, das sie als Leckerbissen schätzen: Würmer, Engerlinge, Käfer, Mäuse, Frösche, Insekten, Raupen, Krebse und Fische, aber auch Eidechsen und größere Beutetiere wie etwa Mauswiesel stehen auf ihrem Speiseplan. Auch frisch aufgeworfene Ackerfurchen und gemähte Wiesen ziehen die schlauen Rotschnäbel zur Nahrungssuche magisch an: Da sie weiches Erdreich, aus dem sie ihre Nahrung ziehen können, lieben, sind sie als Gefolge ratternder Pflüge und Mähdrescher kein ungewönlicher Anblick.
Liebelei zwischen Langschnäbeln
Während die ersten Weißstörche schon im März in Deutschland ankommen, trudeln die meisten im April bei uns ein. Bis Anfang Mai sind alle, die die lange Reise geschafft haben, wieder hier. Doch Zeit zum Verschnaufen bleibt ihnen keine. Denn kaum zurück aus ihren Winterquartieren, geht der Kampf ums Überleben schon wieder weiter: Partner- und Nestsuche erfordern die gesamte Aufmerksamkeit der Heimkehrer. Schon wer nur kurz zu spät nach Hause kommt, läuft Gefahr, dass sein Vorjahreshorst bereits von anderen besetzt ist, der Ex-Partner schon anderweitig verbandelt ist. Wer Glück hat, findet sowohl Nest als auch Partner noch unbesetzt vor – und kann sich gleich an die Kinderplanung wagen.
Zwei bis sechs Eier legt eine Storchendame, gebrütet wird gemeinsam. Nach 33 Tagen ist erstmals leises Fiepen zu hören. Der Nachwuchs ist geschlüpft – und muss bis August flügge werden. Und sich genügend Fett und Muskeln anfuttern, um noch im selben Jahr auf große Reise zu gehen. Zur Begrüßung der Nestpartner und zur Abwehr möglicher Konkurrenten hat der Weißstorch übrigens eine weithin hörbare, charakteristische Methode entwickelt: Einmal schnell den Kopf zurückgelegt und los geht’s mit dem Klappern. Wer das Schauspiel live erlebt, dem wird das beeindruckende Getöse so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen ...
Das Wandern ist der Störche Lust
... so könnte das Lebensmotto der langbeinigen Wiesenvögel kurz umrissen werden. Denn spätestens im September heißt es wieder: ab in den Süden. Zwei Wochen vor den Altvögeln müssen auch die Jungen reisefertig sein. Den Kräfte zehrenden Langstreckenflug schafft nur, wer gut gerüstet ist und durch gezielte Nahrungsaufnahme und Flugtrainingsstunden so viele Muskeln „aufgepackt“ hat, um die rund 11.000 Kilometer lange Strecke nach Afrika durchzustehen. Keine leichte Aufgabe für die Eltern, sich neben der Jungenaufzucht noch selbst umfassend auf den langen Flug in die Ferne vorzubereiten.
Reisen birgt viele Gefahren
Doch auch den gut Gerüsteten drohen Gefahren: Kollisionen mit Stromleitungen und Flugzeugen, Hungerphasen durch Dürrezeiten in Afrika, schlechtes Wetter und Kälteeinbrüche bei den Rückflügen sowie Veränderungen der Kulturlandschaften in den Überwinterungsgebieten und auf den Rastplätzen, aber auch Bejagung in den überflogenen Ländern zählen zu den größten Gefährdungen für die Langstreckenzieher. Und auch in unserer Heimat ist ihr Bestand durch die Veränderungen der Kulturlandschaft, v. a. durch Trockenlegungen, Bachbegradigungen, Auffüllen von Tümpeln und Unfälle mit Stromleitungen, bedroht.
Das Glück kommt per Storch geflogen …
… heißt es im Volksmund. Dass aus dem leibhaftigen Glückssymbol kein großer Pechvogel wird, dafür kann jeder von uns etwas tun. Der NABU etwa rät, sich für den Erhalt und die Pflege von Feuchtgrünland und für das Entfernen gefährlicher Stromleitungen zu engagieren. Oder Zugvogel-Pate zu werden. So kann jeder einen kleinen Beitrag dazu leisten, dem Vielstreckenflieger nicht völlig den Wind aus den Segeln zu nehmen. (Dr. Angelika Huber)