Vogelparadies Ungarn

Die ungarische Puszta bietet mit ihrer teils überschwemmten Steppenlandschaft vielen Vögel und anderen Tieren eine riesige Nahrungsvielfalt.

Vogelschützer nennen die Ebene, in der sich Störche, Kraniche und auch selten gewordene Tiere wie der Feldhamster tummeln, das Naturwunder im Verborgenen. Von März bis Mai ist das Wäldchen fest in Saatkrähen-Hand. Wer dann im Laufe des Junis noch einmal nach den Krähennestern schaut, glaubt, er sei im falschen Film: Von den Krähen keine Spur. Stattdessen hat sich dort eine rund 60-köpfige Rotfußfalken-Kolonie zur Jungenaufzucht niedergelassen – im Juni ist nämlich Schichtwechsel. Die Vögel sind nicht scheu und lassen sich mit etwas Vorsicht aus nächster Nähe beobachten. Gut geschützt in ihrer direkten Nachbarschaft brüten noch Blauracken und Wiedehopfe.

Naturwunder im Verborgenen

Die Kleine Hortobagy (nicht zu verwechseln mit dem viel besuchten Nationalpark Hortobagy) in Ostungarn ist voller solcher Überraschungen. Nur zwei Autobahnstunden von Budapest entfernt konnte sich in der weiten Ebene ein Rest Steppenlandschaft erhalten. Ein Naturwunder im Verborgenen nennen es die Vogelschützer, die sich aus Bayern und Ungarn verbündet haben, um die Puszta zu erhalten: Sie haben einfach einen Großteil der wertvollen Flächen aufgekauft.
Abweisend und eintönig erscheint die ungarische Puszta nur im Vorbeifahren. Kaum ein Mensch ist zu sehen, in der Ferne ein paar Zackelschafe, Graurinder, ein Bauernhof, ein Wäldchen. „Brettl“-eben ist die Landschaft, karges Grasland, salzhaltiger Boden, auf dem Salzaster und Strandflieder blühen, durchzogen von Pappelreihen und Gräben. Bei klarem Wetter sieht der Besucher nach Norden hin in der Ferne das Bükk und Zemplen Gebirge. Auch Straßen sind spärlich gesät. Zum Glück. Denn von den Bauernwegen aus hat der Naturfreund schon, was er sucht: ein Wunderland am Wegesrand.

Die Puszta und ihre Bewohner

Sogar vom Auto aus sieht man Ziesel Männchen machen. Wachsam halten sie Ausschau, um sich bei Gefahr in die Baue zu flüchten und dann kurze Zeit später vorsichtig wieder herauszukommen. Ein Stückchen Apfel bewirkt Wunder. Scheinbar steigt sein Duft in die unterirdischen Wohnbereiche und lockt neben dem Ziesel auch den selten gewordenen Feldhamster an die Oberfläche, der sich mit dem ungewohnten Leckerbissen rasch die Backen stopft. Wer viel Glück hat, dem huscht auch ein Steppeniltis über den Weg. Erkundet man die Landschaft schließlich zu Fuß, offenbart sich ihre ganze herbe Schönheit. Da gibt es Altarme der Theiß mit üppiger Ufervegetation in vorher unsichtbaren Niederungen, Senken mit uralten Kopfweiden, Blumenwiesen aus zahllosen Wildkräutern.

Garten Eden für Störche & Co.

Die Theiß hat immer noch genug Raum, sich bei Hochwasser auszubreiten, denn die Dämme wurden in reichlich Entfernung gebaut. Am Fluss und an den Wassergräben gehen Fischotter auf die Jagd. Zumindest ihre Spuren verraten die Anwesenheit der scheuen Tiere. Reiher und Störche suchen ihre Nahrung auf den überschwemmten Wiesen und in den Gräben. Die begehrten Großinsekten zur Jungenaufzucht, und das zuhauf, sind dann hauptsächlich auf dem Weideland anzutreffen: leckere Maulwurfsgrillen, die sich der Wiedehopf zum Beispiel direkt aus den Bodenlöchern herausholt. Übrigens hat in der Kleinen Hortobagy fast jedes Dorf seine eigene Sandgrube und damit auch seine eigenen Wiedehopfe, Bienenfresser und Uferschwalben.

Kranich-Spektakel Ende September

Wem das alles nicht spektakulär genug ist, der fährt am besten im Herbst in die ungarische Puszta: zum einmaligen Kranichspektakel. Von Ende September bis über Allerheiligen machen hier über 30.000 Graukraniche (aber auch andere Zugvögel wie Kiebitz, Uferschnepfe und Goldregenpfeifer, Enten und Gänse) auf den weiten Ebenen Rast. Tagsüber verstreuen sie sich zum Fressen über die abgeernteten (Mais-)Felder bis Tokaj hinauf, geschlafen wird im obersten, abgelegenen Fischteich der (schon im vorigen Jahrhundert angelegten) Hortobagy-Teiche. Dieser Sammel-Schlafplatz steht unter Naturschutz. (Nina Blersch)