Verhaltensstörungen bei Meerschweinchen

Nein, auf die Couch des Psychologen gehören unsere kleinen Hausgenossen nicht. Denn psychische Erkrankungen, wie wir sie vom Menschen kennen, sind meist nicht ihr Problem. Meist ist es die falsche Haltung, die die Tiere ganz „verrückt" macht.

Foto: Thomas Brodmann / animals-digital.de

Aggressives Verhalten gehört zum normalen Sozialverhalten auch von geselligen Tieren wie Kaninchen oder Meerschweinchen. Insbesondere die Männchen können sich heftige Kämpfe liefern. Doch während sich die Tiere in freier Natur aus dem Wege gehen können, fehlt ihnen in Menschenobhut oft der Raum, dem Gegner auszuweichen. Die Lösung des Aggressionsproblems liegt auf gar keinen Fall in der Einzelhaltung. Denn die Tiere leben unter natürlichen Bedingungen in großen Gruppen.

Besser ist es, die Tiere rechtzeitig kastrieren zu lassen. Beliebt ist die Gemeinschaftshaltung von Kaninchen und Meerschweinchen. Doch sie ersetzt nicht den Artgenossen. Denn Kaninchen und Meerschweinchen unterscheiden sich nicht nur in ihrem Verhalten, sie sprechen auch völlig verschiedene „Sprachen“. Bewohnt ein Meerschweinchen mit einem Kaninchen den gleichen Käfig, gewöhnen sich die beiden vielleicht aneinander.

Missverständnisse jedoch sind vorprogrammiert und können zu Streitereien führen. Wobei das schwächere Meerschweinchen in der Regel den Kürzeren zieht und schwer verletzt werden kann. Hinzu kommen die unterschiedlichen Ansprüche, die Meerschweinchen und Kaninchen an die Einrichtung ihrer Gehege stellen.

Gegensätze

Kaninchen genießen die Aussicht von erhöhten Orten, Meerschweinchen rasen am liebsten von Versteck zu Versteck. Beide brauchen Abwechslung und viel Bewegung, um seelisch gesund zu bleiben. Steht kein großzügiges Gehege zur Verfügung, muss man den Tieren mindestens einmal täglich Freilauf in der Wohnung gewähren. Ist die Wohnung nicht nagersicher, natürlich nur unter Aufsicht. Geradezu gegensätzlich veranlagt sind die Tiere, wenn es um das „Schmusebedürfnis“ geht.

Während Kaninchen sich ausdauernd belecken und miteinander kuscheln, sind Meerschweinchen distanzierter. Sie mögen zwar nicht schmusen, aber sie brauchen das „Gespräch“ mit Artgenossen durch Laute und Gerüche. Ein Kaninchen kann also niemals zum Ersatzpartner für ein Meerschweinchen werden. Umgekehrt gilt das Gleiche. Werden die Bedürfnisse der Tiere bei der Haltung nicht berücksichtigt, werden sie in zu kleinen Käfigen oder alleine gehalten, entwickeln sie Verhaltensstörungen.

Sie beknabbern stundenlang die Käfiggitter, führen immer die gleichen Bewegungen aus und werden krankhaft aggressiv. Leben die Tiere unter Dauerstress, können sie aufhören zu fressen und nicht nur psychisch, sondern auch körperlich krank werden.

Die Nager wollen beschäftigt sein

Auch ein großer Käfig kann zum langweiligen Gefängnis werden, wenn die Einrichtung den Nagern keine Möglichkeit bietet, sich zu beschäftigen. Gutes Heu dient nicht nur der gesunden Ernährung (siehe S. 54), sondern auch der Beschäftigung der Tiere. Ihr Bedürfnis zu nagen stillt man am besten mit Zweigen. Man kann Buchen-, Obstbaum und Haselnusszweige verwenden. Die Zweige befriedigen nicht nur ihr Nagebedürfnis, die Tiere können sie auch als Verstecke nutzen. Allerdings sollten die Zweige ungespritzt sein.

Vorsichtshalber werden sie mit heißem Wasser gut abgebraust. Mehrere Etagen im Gehege sorgen für eine größere Gesamtfläche, für Versteckmöglichkeiten und Aussichtspunkte. Selbstverständlich sollte die Einrichtung stabil sein und keine Verletzungsgefahr in sich bergen. Auch im Zoohandel wird man immer wieder Anregungen finden, wie man seinen Nager etwas Abwechslung im Alltag verschafft. Doch nicht alles, was angeboten wird, ist gut für die Tiere. Vor der Anschaffung eines Tieres sollte man sich über dessen Bedürfnisse und Normalverhalten genau informieren.

Zu jeder Tierart sind zahlreiche Bücher im Handel erhältlich. Nur dann kann man ihm von Anfang an eine artgerechte Haltung bieten, die es seelisch und körperlich gesund bleiben lässt. (Barbara Welsch, Tierärztin)